Turkolgie – Türkoloji

TURKOLOGIE AUF DEUTSCH
Kadri Akkaya / Fotos: Isabelle M. Beck, in „Die Brücke“, Nr. 163, Mai-August 2013, S. 125-133.

لسان عثمانى oder ğ , ı, ç Was sagen diese Zeichen aus? Diese Zeichen verwendeten die Turkvölker in ihrer Geschichte als Buchstaben bzw. Schriftzeichen und verwenden sie zum Teil immer noch. Die ersten Schriftzeichen der Turkvölker, die heute auf den Orchon-Steinen in der Mongolei zu sehen sind, wurden zum ersten Mal neben Wilhelm Thomsen auch durch den deutschsprachigen Sprachwissenschaftler und Turkologen Wilhelm Radloff (1837-1918) im Jahre 1893 entziffert.

Turkologie - Türkoloji

Turkologie ist die Bezeichnung von der Wissenschaft der Sprachen, Literaturen, der Geschichte, den Religionen und erforscht die materielle und geistige Kultur der Turkvölker in Gegenwart und in der Vergangenheit. Die Bevölkerungszahl aller turksprachigen Volksgruppen, Minderheiten und Nationen schätzt man heute weltweit auf über 350 Millionen. Das geographische Gebiet der turksprachigen Völker hat sich seit den 1960er Jahren durch die Migration erweitert. Nur im deutschsprachigen Raum; in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland lebt heute eine Bevölkerungsminderheit mit mehr als drei Millionen.

Die Turkologinnen und Turkologen forschen und untersuchen anhand Quellentexte und Zeugnisse die materielle Kultur der Turkvölker sowie den sprachlichen und kulturellen Austausch mit den anderen Völkern seit dem achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Die Schwerpunkte der Forschung liegen im Bereich Mittelasien, den Türkrepubliken, Südosteuropa, dem Zeitalter des Osmanischen Reiches, der Republik Türkei und in letzter Zeit über die türkische Bevölkerung in Europa, insbesondere in Deutschland.

Aktuell geht es einigen Fächern an den Universitäten in Deutschland personell und sachmittelmäßig sehr schlecht. Während in den letzten Jahren die Fächer Islamwissenschaften, Religionswissenschaften, Genderstudien oder Asienwissenschaften –was gut ist- die Gewinner bei den Professuren waren, halbierten sich die Professuren für die Turkologie fast. Davor wurde schon vor Jahren genügend gewarnt: Nicht zuletzt vor zwei Jahren über das DR weltweit, durch Prof. Dr. Claus Schönig, Leiter des Instituts für Turkologie an der Freien Universität Berlin. Er und sein Fachkollege in Gießen, Prof. Dr. Mark Kirchner und die anderen an den sieben Universitäten in Deutschland, an denen Turkologie gelehrt wird, scheinen keine Zeit zu haben, zwischen der regulären Lehrtätigkeit und der ständigen Suche nach Drittmitteln. In Freiburg, wo ein nicht so armes Bundesland schon damals im Jahr 2009, die einzige Professur der Turkologie zur Disposition stellte, gibt es jetzt anstatt der regulären Professur, nur eine Juniorprofessur die Dr. Ruth Bartholomä vertrit – unter der ‚Fahne‘ des Fachgebiets ‚Vielfalt der islamischen Welt‘. Einstige Hochburgen der Turkologie, wie z. B. die Universität Mainz, in der Prof. Dr. Lars Johanson emittiert wurde und jetzt Prof. Dr. Hendrik Boeschoten als Turkologe mitwirkt, bieten nur noch einen BA-Abschluss.

Viele Akademiker schimpfen auf den Bologna-Prozess und einige resignieren, da sie auch glauben müssen, dass die Kassen leer sind. Und keiner fragt sich, wie diese prekäre –nicht nur bei dem Fach Turkologie- Situation an bestimmten Fächern in der Praxis entstehen konnte, obwohl die Investitionen bzw. bundesweiten Ausgaben für die Wissenschaft von 2002 bis 2011 fast auf 42% gestiegen sind. Die Universität Bonn zum Beispiel betreibt keine eigenständige Turkologie seit Otto Spies nicht mehr dort mitwirkt. Nur noch die türkische und die osmanische Sprache werden dort und zwar im Rahmen der Orient- und Asienwissenschaften ohne eine Professur angeboten.

Dabei war in der Vergangenheit sowohl Bonn als Stadt als auch Deutschland als Land eine Hochburg der Turkologie. Zu den bekannteste Turkologen, die in den letzten vier Jahrhunderten im deutschsprachigen Raum zu zählen sind: Johannes LEUNCLAVIUS (LÖWENKLAU, 1541-1594), Hieronymus MEGISER (1554-1619), Johann David SCHIEFERDECKER (1672-1721), Joseph Freiherr VON HAMMER-PURGSTALL (1774-1856), Johan Christian CLODIUS (1676-1745), Heinrich Friedrich VON DIEZ (1751-1817), Heinrich Julius KLAPROTH (1783-1835), Wilhelm SCHOTT (1802-1889), Wilhelm RADLOFF (1837-1918), Karl FOY (1856-1917), Richard HARTMANN (1881-1965), Georg JACOB (1867-1937), Willy BANG-KAUF (1869-1934), Alber VON LECOQ (1860-1930), Teodor MENZEL (1878-1939), Friedrich Karl GIESE (1870-1944), Oskar (Osman Reser) RESCHER (1883-1972), Franz Gustav TAESCHER (188-1967), Franz BABINGER (1891-1967), Karl STEUERWALD (1905-1989), Annamaria VON GABAIN (1901-1993), Otto SPIES (1901-1976), Gerhard VON MENDE (1904-1963), Hans Joachim KISSLING (1912-1985), Gerhard DOERFER (1920-2004), Horst Wilfried BRANDS (1922-1998), Manfred GÖTZ (1932-), Erika GLASSEN (1934-), Milan ADAMOVIC (1939-), Lars JOHANSON (1936-), Hand Georg MAJER (1937-), Esin ILERI (1937-), Fikret ADANIR (1941-), György HAZAI (1932-), Peter ZIEME (1942-), Klaus Peter SCHWARZ (1943-1989), Annemarie SCHIMMEL (1922-2003), H. Achmed SCHMIEDE (+2010), Helga DAGYELI-BOHNE (1940-), Hendrik BOESCHOTEN (1950-), Udo STEINBACH (1943-), Semih TEZCAN (1943-), Heidi STEIN (1944-), Klaus KREISER (1945-), Petra KAPPERT (1945-), Hedda REINDL-KIEL (1947-), Armin BASSARAK (1952-), Tatjana MÖCKEL (1953-), Jens Peter LAUT (1954-), Nemat RAHMATI (1954-), Claus SCHÖNIG (1955-), Özgür SAVASCI (1955-), Ingeborg BALDAUF (1956-), Simone-Christiane RASCHMANN (1958-), Sabine PRÄTOR (1958-), Mark KIRCHNER (1960-), Michael FRIEDRICH (1962-),Barbara FLEMMING, Barbara KELLNER-HEINKELE, Margarate I. ERSEN-RASCH, Ingeborg HAUENSCHILD, Martin STROHMEIER, Catharina Dufft, Beatrix CANER, Klaus Detlef WANNIG und Christiane BULUT u. a.

Der Bologna-Prozess, die veränderte weltpolitische Lage (der Mauerfall und die Aufhebung des West-Ost-Blocks) und dadurch die Veränderungen der Fach- und Forschungsprioritäten an deutschen Universitäten haben für die Turkologie wesentliche Änderungen hervorgebracht. Während die Universität Bamberg den Turkologie MA-Abschluss und die FU Berlin sowohl den BA-Abschluss in Turkologie in Geschichte und Kultur des Vorderen Orients als auch einen MA-Abschluss in Turkologie anbietet, bietet die Universität Bonn, nur noch einen BA-Abschluss (siehe Interview mit Dr. Ağcagül und Aydın) in Türkische Geschichte und Kultur und zwar im Bereich der Orient-und Asienwissenschaften an.

Die Universität Gießen bietet einen BA-Abschluss im Bereich der Türkischen Sprachen und Kulturen an. Für die interessierte Öffentlichkeit wird über den Studieninhalt und Schwerpunkt kurz folgendes mitgeteilt: „Die Professur für Turkologie der Justus-Liebig-Universität beschäftigt sich mit türkischen Sprachen und Kulturen vor landeskundlichem Hintergrund. Neben einem Schwerpunkt im Bereich der Turksprachen in Mittelasien und Russland wird in der Lehre Wert auf den Erwerb und den Ausbau von Kenntnissen in der modernen türkischen Standardsprache gelegt.“ Ein Vorteil in Gießen ist auch die Vielfalt der Lehrkörper: Nämlich, in Gießen wirken sowohl ein Gastlektor aus der Türkei als auch weitere wissenschaftliche Fachkräfte im Lehrbetrieb mit, die sehr unterschiedliche Biographien und Hintergründe haben.

Die Gastlektoren für die Türkische Sprache sind an den deutschen Fakultäten meist ein mit der Profession der Germanistik ausgebildetes Fachpersonal, die aus der Türkei stammen – ohne deren Fachqualitäten in Frage zu stellen, wundern sich aber Viele in den Fachkreisen über diese Wahl.

Die Erziehungsattachès in den türkischen Generalkonsulaten bestätigen auch, dass die deutsche Seite bei den Gast-Türkischlektoren aus der Türkei unbedingt an die Ermächtigung der deutschen Sprache obligatorisch festhält. Sie bemängeln aber, obwohl dieses Personal, deren Anzahl in Deutschland zurzeit auf über 15 Dozenten geschätzt wird und fünf Jahre lang voll von der Türkei finanziert wird, nicht gebührend in der Öffentlichkeit durch die jeweiligen Universitäten gewürdigt wird.

Turkologie als Grundlagenstudium für Literaturübersetzerinnen und Literaturübersetzer.

Cornelius Bischoff, der renommierte Übersetzer von Yaşar Kemal wurde zuletzt im November 2012 in Istanbul mit dem ‚Übersetzerpreis Tarabya‘ vom Türkischen ins Deutsche, ausgezeichnet. Der bekannte Übersetzer aus der türkischen Literatur der Moderne ins Deutsche möchte weder über die strukturelle Situation noch über die Ausbildungsqualitäten der Turkologie an den deutschsprachigen Universitäten ein Urteil abgeben. Mit einem ausgeliehenen Spruch von Wittgenstein formuliert Cornelius Bischoff sein Credo bei seiner Übersetzertätigkeit: „Die Grenzen meiner Sprache sind nicht ganz die Grenzen meiner Welt.“ Und dies erläutert er wie folgt: „Um diese scheinbare oder tatsächliche Grenze zu überschreiten, um diese andere Welt auszudrücken, muss der Übersetzer nachempfinden, muss er spüren, wie diese Wirklichkeit für den Verfasser und für den Leser ist – je nach Kulturkreis verschieden. Aber ich kann jene Welt auch in ‚meiner Sprache‘ ausdrücken, wenn ich ihr ‚Anderssein‘ mit meinen Begriffen abzudecken in der Lage bin. Das ist möglich.“

Sehr wichtig für ihn ist „aus der Perspektive des Literaturübersetzers aber, dass die Literaturübersetzerinnen und Literaturübersetzer mehr als eine hervorragende Ausbildung zusätzliche Fähigkeiten angeeignet haben müssen: nämlich, sie sollten sich in beiden Sprachen und Kulturen heimisch fühlen und nicht nur das sprachlich geschriebene, sondern auch die dahinter stehende Lebensphilosophie ebenfalls mit übertragen können.“

Nach seiner Meinung sollten „neben Yüksel Pazarkaya oder Beatrix Caner immer mehr Intellektuelle, vor allem aber mit türkischen Wurzeln, sich Mühe geben, die türkische Literatur ins Deutsche zu übertragen.“ Hier sieht und stellt er „in den letzten Jahren eine Trägheit, insbesondere bei der jüngeren Generation und bei den türkischstämmigen Intellektuellen in Deutschland fest.“ Und, sagt -dass er, der als Flüchtlingskind von den Nationalsozialisten getrieben dreizehn Jahre lang in der Türkei gelebt hat- weiter: „Von meiner Biographie her habe ich mich in beiden Kulturen und Ländern, in Hamburg und in Istanbul, heimisch gefunden. Dies hat mir eine sehr gute Grundlage für meine Übersetzungen gegeben. Auch die unmittelbare Nähe und die Freundschaften in Istanbul sowie die Lesefreude an der türkischen Literatur, insbesondere die Romane, waren die wichtigsten Grundsäulen bei meiner Übertragungstätigkeiten, insbesondere bei den Werken von Yaşar Kemal. Ich wünsche für die jüngere Generation sehr viele und sehr gute Übersetzungsleistungen aus der -wirklich sehr vielfältigen- türkischen Literatur.“

Die Turkologin, Übersetzerin und Verlegerin Dr. Beatrix Caner bestätigt, „dass in den letzten Jahren unter den deutschen Intellektuellen ein besonderes Interesse an weiteren türkischen Schriftstellern, wie z. B. an Ahmet Hamdi Tanpınar und durch ihn auch an Istanbul gestiegen“ ist. Und sie fügt weiter hinzu: „Dies freut mich sehr, da ich selbst schon seit 1998 Ahmet Hamdi Tanpınar und seine Werke der deutschsprachigen Leserschaft durch meinen eigenen Verlag näher zu bringen versuche.“

Über das Verhältnis der Turkologie und der Übersetzungstätigkeit erläutert Beatrix Caner, wie folgt: „Die Literaturübersetzungstätigkeit und dessen erfolgreicher Abschluss als Literaturübersetzerin basiert nicht nur aus den Fähigkeiten eines Turkologen, sondern hängt auch mit der qualitativen Verlagsarbeit ab. Die mittelgroßen und großen Verlagshäuser in Deutschland investieren nicht in weitere türkische Schriftsteller – es sei denn, dass sie Fördergelder in Millionenhöhe bekommen. Die kleineren Verlage, die die breite und unterschiedlich vielfältige Literatur aus dem Türkischen ins Deutsche übertragen möchten, aber aus finanziellen Gründen dies nicht alleine wagen, könnten sich und vielleicht sollten sich zusammenschließen um eine langfristige Kooperationen für ein gemeinsames Ziel einzugehen. Für die Verbreitung der türkischen Literatur in Europa wäre die Investition in die deutsche Sprache, d. h. die Übertragung vom Türkischen ins Deutsche sehr sinnvoll, da Deutschland hierfür in Europa die Schlüsselrolle hat.“

Die Anforderungen an die angehenden Turkologen, vor allem wenn sie später im Bereich der literarischen Übersetzungen tätig sein werden, sind enorm. Die Universitäten bieten Türkischkurse – auch unter der aktiven Mitwirkung der Gast-Türkischlektoren aus der Türkei, deren Stellen von der türkischen Seite aus für maximal fünf Jahre finanziell voll gesichert werden. Bis jetzt waren sie hauptsächlich aber durch ein Auswahlverfahren aus dem Fachgebiet der Germanistik anstatt aus dem Fachgebiet der Turkologie bzw. dem Fachgebiet der Türkischen Sprache und Literatur ausgesucht und beauftragt worden. Diese Gastlektoren, die von der deutschen Seite über das türkische Außenministerium vom türkischen Erziehungsministerium bestellt werden, werden laut einer aktuellen Verfügung des Erziehungsministeriums der Türkei ab diesem Jahr, nicht mehr Akademikerinnen und Akademiker aus dem Fachbereich der Germanistik, sondern nur noch aus den Fachbereichen der Turkologie und/oder der Türkischen Sprache und Literatur kommen. Ohne die Fachqualitäten der Germanisten an sich in Frage stellen zu wollen, wird diese neue Ordnung auch der wissenschaftlichen Weiterbildung der Turkologen an den deutschen Universitäten zu gute kommen. Man könnte, wenn nicht von einer Art der Entwicklungshilfe, zu mindestens aber von einer Art der wissenschaftlichen Zusammenarbeit sprechen.

Zahlenmäßiges zur deutschsprachigen Turkologie

Neben Wien und Bern so wie an zehn weiteren deutschen Städten wird das Fach Turkologie an insgesamt 12 deutschsprachigen Universitäten als Studium angeboten. Außer Wien, wo an der Universität drei Turkologieprofessoren lehren, haben fast alle Universitäten in Deutschland nur eine Professur – lediglich die Universität Duisburg/Essen drei. Hier werden allerdings anstatt Turkologinnen und Turkologen hauptsächlich die Muttersprachlehrerinnen und Muttersprachlehrer für die türkischsprachigen Kinder ausgebildet.

U. a. sind Prof. Dr. Christoph Herzog, Universität Bamberg; Prof. Dr. Claus Schönig, Freie Universität Berlin; Prof. Dr. Christoph K. Neumann, Ludwigs-Maximilians-Universität München; Prof. Dr. Ingeborg Baldauf, Humboldt-Universität zu Berlin; Prof. Dr. Raul Motika, Universität Hamburg; Prof. Dr. Mark Kirchner, Justus-Liebig-Universität Gießen; Prof. Dr. Emel Huber, Universität Duisburg-Essen und Prof. Dr. Hendrik Boeschoten, Johannes Gutenberg-Universität führende Turkologen in Deutschland.

In Bern, wo die Turkologie im Rahmen der Orientwissenschaft angeboten wird, gibt es keine Professur. In Wien dagegen gibt es drei Professoren für Turkologie: Markus Köhbach, Gisela Prochazka-Eigl und Claudia Römer.

Nach der Hochschulstatistik von 2011 gab es in Deutschland 21 hauptberufliches und 20 nebenberufliches Personal in Turkologischen Instituten.

Die Entwicklung der Studierenden der Turkologie in Deutschland war in den letzten 40 Jahren wie folgt: Im Wintersemmester 1972/73 gab es 12 Studierende; Im WS 1982/83 insgesamt 42 Studierende, WS 1992/93 insgesamt 204, WS 2002/03 insgesamt 601 und im Wintersemester 2011/12 waren es insgesamt 457 Studierende.

Im Jahre 2011 bestanden im Fach der Turkologie insgesamt 50 Studierende ihre Abschlussprüfungen. Davon sind 15 BA, 21 MA und 6 Promotionen als Abschlüsse gewesen. Der Rest der Prüfungsabschlüsse waren die Lehramtsprüfungen.

Weiterführende Bibliographie und Informationsquellen zum Thema
ADAMOVIC, Milan (2001): Das türkische des 16. Jahrhunderts, nach Aufzeichnungen des Florentiners Filippo Argenti (1533). Göttingen.
BABINGER, Franz (1927): Die Geschichtsschreiber der Osmanen und ihre Werke. Leipzig, Harrassowitz.
BUGDAY, Korkut (2007): Osmanisch: Einführung in die Grundlagen der Literatursprache. Wiesbaden: Harrassowitz.
ERSEN-RASCH, Margarate I. (2005): Türkische Grammatik: Für Anfänger und Fortgeschrittene, Huber Verlag.
ERSEN-RASCH, Margarate I. (2008): Türkisch – Lehrbuch für Anfänger und Fortgeschrittene, Harrasowitz Verlag.
DOERFER, Gerhard (2004): Etymologisch-ethnologisches Wörterbuch tungusischer (vornehmlich der Mandschurei) Dialekte. Hildesheim, Zürich, New York, Olms Verlag.
KISSLING, Hans Joachim (1960): Osmanisch-Türkische Grammatik. Wiesbaden.
KREISER, Klaus (1992): Kleines Türkei-Lexikon. München, C. H. Beck.
KREISER, Klaus (2008): Der Osmanische Staat 1300-1922. München.
LERCH, Wolfgang Günter (2008): Zwischen Steppe und Garten – Türkische Literatur aus Tausend Jahren. Allitera Verlag, München.
RIEMANN, Wolfgang (1983): Das Deutschlandbild in der türkischen Literatur. Harrassowitz Verlag.
SCHIMMEL, Annemarie (1989): Türkische Gedichte vom 13. Jahrhundert bis in unsre Zeit – Übersetzung von Prof. Dr. A. Schimmel. Kultusministerium Republik Türkei, Ankara.
SCHIMMEL, Annemarie (1990): Der Islam: Eine Einführung. Stuttgart, UB.
STEUERWALD, Karl (1988): Deutsch-Türkisches Wörterbuch.
STEUERWALD, Karl (1988): Türkisch-Deutsches Wörterbuch.
WANNIG, Klaus Detlev (1980): Der Dichter Karaca Oglan. Studien zur türkischen Liebeslyrik. (Studien zur Sprache, Kultur und Geschichte der Turkvölker 1.) Freiburg, Klaus Schwarz Verlag.

Fachzeitschriften sind:
ARCHIVUM OTTOMANICUM, Wiesbaden. DER ISLAM, Straßburg. BELLETEN, Ankara. MATERIALIA TURCICA, Bochum. OSMANLI ARASTIRMALARI, Istanbul. ORIENT, Hamburg. OTAM, Ankara. TARİH VE TOPLUM, Istanbul. TURCICA, Paris. WELT DES ISLAMS, Leiden. WIENER ZEITSCHRIFT FÜR DIE KUNDE DES MORGENLANDES, Wien. ZEITSCHRIFT DER DEUTSCHEN MORGENLÄNDISCHEN GESELLSCHAFT, Wiesbaden.

Interview mit Dr. Sevgi Ağcagül und Hayrettin Aydın über die Turkologie im deutschsprachigen Raum

Dr. S. Agcagül und H. Aydin

Die deutschsprachigen Turkologen, die einen Migrationshintergrund in Deutschland haben, sind u. a. : Sargut SÖLÇÜN, Fikret ADANIR, Özgür SAVAŞCI, Semih TEZCAN, Nemat RAHMATİ, Marcel ERDAL sowie Sevgi AĞCAGÜL, Hayrettin AYDIN und Korkut BUĞDAY, die zuletzt genannten drei haben ihre Sozialisation voll und ganz hier in Deutschland verbracht.

Zur Person:

Dr. Sevgi Ağcagül ist im Jahre 1971 in der Türkei geboren. Sie kam im Kindesalter nach Deutschland und studierte in Mainz mit den Fächern Romanistik, Islamische Philologie das Fach Turkologie. Sie promovierte in diesen Fächern. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Bonn im Institut für Orient- und Asienwissenschaften als wissenschaftliche Mitarbeiterin und als Lehrbeauftragte für Türkisch sowie türkische Geschichte und Kultur.

Zur Person:

Hayrettin Aydın kam im Säuglingsalter nach Deutschland und hat nach seinem Abitur an der Universität Hamburg das Magisterstudium in den Fächern Geschichte und Turkologie abgeschlossen. Unmittelbar danach war er als Lehrbeauftragter an der Christian-Albrechts-Universität Kiel für Türkisch und Osmanisch tätig. Danach hat er lange Jahre im Zentrum für Türkeistudien in Essen als wissenschaftlicher Mitarbeiter mitgewirkt. Zurzeit ist er als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (Lektor für Türkisch und Osmanisch) tätig.

Welche Motivation hat Sie damals zum Studium des Faches Turkologie gebracht?

Ağcagül:
„Ich habe meine gesamte Schulzeit in Deutschland verbracht. Wir haben damals die Geschichte und Kultur von der ganzen Welt gelernt. Nur von der Türkei nicht – sagen wir, fast gar nicht. Manchmal wurde darüber gesprochen, dass die sogenannte Wiege der Menschheit in Mesopotamien, also im heutigen Anatolien liegt und dass dort viele Kulturen gelebt haben. Aber ich habe erst sehr spät erfahren, dass in der heutigen Türkei und darüber hinaus 700 Jahre das Osmanische Reich existiert hat. Diese Lücke schließen zu wollen, war meine Motivation. In sprachlicher Hinsicht ist es dasselbe. Wir haben natürlich in der Schule Englisch und Französisch gelernt und Latein war optional, aber eine andere Sprache, die zudem in Deutschland gesprochen wird, nämlich Türkisch, haben wir in der Schule nicht gelernt. Es gab den sogenannten muttersprachlichen Ergänzungsunterricht, der nicht versetzungsrelevant war und nur freiwillig zwei Stunden in der Woche belegt wurde. All dies hatte mir gefehlt. Deswegen habe ich die Turkologie, allerdings mit Kombination der Islamischen Philologie und der Romanistik studiert und wurde später in Turkologie promoviert. Mir ging es am Anfang darum, die Lücken zu füllen, die mir in den Schulunterrichten gefehlt haben.“

Aydın:
„Bei mir war es im Grunde genommen ähnlich. Ich hatte auch während der Schulzeit das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ich bin Bildungsinländer, und zwar von frühster Stunde an, weil ich mit vier Monaten hierher kam. Ich war nicht nur der einzige Ausländer, sondern auch der einziger Türke in der Schule. Und damals gab es sogar den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht nicht, so dass die Lücke oder das Bedürfnis noch stärker war. Mein Interesse lag neben der Sprache eher aber an der Geschichte. Somit lernte ich, um die geschichtlichen Quellen lesen zu können, auch Osmanisch.“

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Ağcagül:
„Meine schon. Im Studium lernt man ja, wie man sich Wissen aneignet. Das reine Wissen ist interessant, aber ich habe Techniken und Methoden kennen gelernt, damit ich mich selbst informieren und zu Wissen gelangen und mich weiterentwickeln konnte. Inhaltlich bin ich eher sprachwissenschaftlich orientiert und habe mich im sprachwissenschaftlichen Bereich spezialisiert. Das erfüllt mich nach wie vor sehr.“

Was sind die traditionellen Fach- und Forschungsgebiete der Turkologie?

Ağcagül:
„Turkologie, die ich kenne, beschäftigt sich traditionellerweise mit den Sprachen der Turkvölker. Nicht nur mit Türkei-Türkisch, sondern mit den unterschiedlichen Turksprachen, die über ganz Eurasien verbreitet sind. Wissenschaftliche Turkologie beschäftigt sich auch mit älteren Turksprachen, wie Tschagataisch, Altuigurisch und Alttürkisch.“

Wie ist im deutschsprachigen Raum die Turkologie entstanden oder woher kommt der Bedürfnis Turkologie als Wissenschaft zu etablieren?

Ağcagül:
„Soweit ich es überblicken kann, ist die Turkologie im Zuge der Entstehung orientalistischer Disziplinen entstanden. Man hat gesehen, dass die türkischen Sprachen nicht zu verachten sind, weil sie eben über ein solch großes Gebiet verteilt sind. Auch das allgemeine Interesse am Orient hat dies gefördert.“

Aydın:
„Es gab auch ein geschichtlich-politisches Interesse der europäischen Königreiche, insbesondere aber die Ostexpansion des zaristischen Russlands verdeutlicht dies. Sie wollten die Kultur und Sprache der eroberten Gebiete in Mittelasien erlernen und erforschen.“

Ağcagül:
„Um dort regieren und diese Völkerschaften kontrollieren zu können.“

Aydın:
„Kolonialistische Zielsetzungen waren natürlich ein zentraler Impetus. Im 19. Jh. bestand ein Gelehrtentum und Gelehrtenwettstreit, insbesondere zwischen Thomson und Radloff. Sie wollten die Schriften von ‚Köktürken‘ entziffern. Im Österreichischen Kaiserreich hat man die Bedrohung der Osmanen ernst genommen. Das heißt die Nachbarschaft zwischen der KUK-Monarchie und dem Osmanisches Reich hat zur Forschungsmotivation positiv sehr beigetragen.“

In welchen Universitäten gibt es aktuell Professuren der Turkologie?

Ağcagül:
„Berlin, Gießen, Mainz, Göttingen .. Frankfurt hatte einen Lehrstuhl, aber die Turkologie ist jetzt nicht mehr eigenständig, sondern unter dem Titel „Altaische Sprachwissenschaft“ als ein Schwerpunkt im Studiengang Empirische Sprachwissenschaft vertreten.

Aydın:
„Turkologie gibt es auch in Hamburg. Dann, gibt’s noch seit 1995 an der Universität Essen/Duisburg den Fachbereich Türkisch auf Lehramt. Es wird dort von der klassischen Turkologie unterschieden: nämlich, dort gibt es nur die Ausbildung für die Türkischlehrer, die in den Schulen den türkischsprachigen Kindern ihre Sprache beibringen sollen. Somit ist der Zugang eher –obwohl die deutschstämmigen nicht abgewiesen werden- für die türkischstämmigen Bildungsinländern angedacht und eingeplant.“

Ağcagül:
„In München wird die Turkologie, obwohl dort noch Türkisch und Osmanisch gelehrt wird, schwerpunktmäßig mit geschichtswissenschaftlicher Perspektive betrieben.“

Kann man, oder wie kann man die Bedürfnisse vergleichen, der vorherigen Jahrhunderte an der Turkologie und jetzt?

Aydın:
„Früher stand eher die klassische Philologie im Vordergrund. Mittlerweile hat sich die Turkologie eher zur einer Kulturwissenschaft entwickelt. Das wissenschaftliche Koordinatensystem hat sich auch deswegen geändert, da früher die Türken in sehr fernen Gebieten lebten und heutzutage und mittlerweile in Deutschland leben, und zwar in großer Zahl. Also, es gibt eine große Minderheit der Türkeistämmigen in Deutschland. Daraus sind auch andere Bedarfs- und Bedürfnislagen entstanden. Zugespitz formuliert: Früher gab es andere Fragestellungen und es saßen in den Seminaren weniger Studierende und nach den 70er und 80er Jahren hat sich das Interesse an der türkischen Sprache und Kultur ausgeweitet. Auch die türkischstämmigen Abiturienten, die Interesse an der Turkologie haben, haben die Studentenschaft und später die Akademikerschaft verändert.“

Ağcagül:
„Ich denke aber, dass sich inhaltliche Veränderungen daran erkennen lassen, dass die Türkei überhaupt eine andere Rolle spielt als früher. Sie tritt souveräner und eigenständiger auf, als es bisher der Fall war. Dadurch hat sich auch die türkische Moderne in universitären Studien etabliert. Zumindest kann ich das für Bonn sagen. In Gießen steht die moderne türkische Welt Zentralasiens im Vordergrund. Die Schwerpunkte haben sich von rein philologischen Studien auf Kulturwissenschaft und überhaupt auf die Moderne verlagert. Und mittlerweile gibt es kaum Turkologen, die im berühmten Elfenbeinturm sitzen. Umgekehrt, es gibt immer mehr Turkologen, die Feldforschung betreiben und, die die aktuelleren Realitäten für ihre Forschungsarbeiten mit einbeziehen sowie sich intensiver mit der Gegenwart beschäftigt“

Auch die Literatur?

Ağcagül:
„Ja, wobei es immer Studien zur modernen türkischen Literatur gegeben hat. Otto Spies hat sich z.B. sehr intensiv damit beschäftigt. Entsprechend werden heute Autorinnen und Autoren der Gegenwart und sog. Postmoderne mit ihren Werken berücksichtigt.“

Aydın:
„Turkologie ist nach wie vor ein ‚exotisches‘ Fach, verhältnismäßig klein. Es gibt nur acht – neun Universitäten die Turkologie als Studienfach anbieten. Und nur ausgestattet mit nur ein bis zwei Professuren. Essen mit drei Professuren ist eine Ausnahme. Je nachdem Schwerpunkt der jeweiligen Professorin oder des Professors unterscheidet sich der Schwerpunkt der Turkologie an den jeweiligen Universitäten: Ob mehr historisch, literaisch, philologisch, linguistisch oder aus der Perspektive der Osmanistik oder eher aus der Kulturwissenschaft.“

Eine anderer Aspekt würde mich interessieren: Wie hat sich die Turkologie in Ostdeutschland und Westdeutschland im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands verändert?

Ağcagül:
„Die Turkologen aus dem Osten waren im Westen auch bekannt. Es gab Kontakte und wissenschaftliche Begegnungen. Ich empfinde nicht, dass die Turkologien getrennt gewesen wären. Es gab in Berlin Ost und Leipzig gute und renommierte Institute. Nach der Wiedervereinigung wurden die Kooperationen weiter verfestigt. Was die Turkologie im Ostdeutschen Raum gut geleistet hat, ist z. B. die Literaturübersetzung auf hohem Niveau aus dem Türkischen ins Deutsche. Die Turkologie der damaligen Humboldt-Universität besteht nach der Wiedervereinigung nach wie vor. In Leipzig sind Türkischstudien ein bisschen zurück gegangen. Dort lagen die Schwerpunkte auch auf Orientalistik und Arabistik.“

Aydın:
„Kontakte gab es bei uns in Hamburg nicht. Wenn wir einen Brückenschlag Richtung Osten suchten, haben wir damals eher die Turkologie in der UdSSR angesprochen und kontaktiert.
Das politische Koordinatensystem spielte auch eine Rolle. Die Sowjetunion und die Länder im Ostblock hatten eher den Fokus auf ‚Bruderstaaten‘ wie Syrien und Libyen, ja sogar zum Teil auf Ägypten und somit gab es dort sehr stark die Arabistik, die auch stark betrieben wurde. Das Türkeitürkisch war eher zweitrangig.
Dafür waren für Deutschland die Turksprachen im mittelasiatischen Raum schon wichtiger, aber nicht so wichtig wie das Osmanische und die Türkei. Die Intensivierung der Beziehungen gab es schon in osmanischer Zeit und gipfelte in der so genannten Waffenbruderschaft im Ersten Weltkrieg. Nachdem es das Osmanische Reich und das deutsche Kaiserreich nicht mehr gab, musste sich die Turkologie auch neuorientieren.“

Ağcagül:
„Die Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg ist sehr renommiert. Das Institut in Novosibirsk hat sich mit allen Turksprachen im sibirischen und vor allem im südsibirischen Raum beschäftigt.

Wie ist es mit der deutschsprachigen Turkologie in der Schweiz und Österreich bestellt?

Ağcagül:
„Der Schwerpunkt in Wien ist Osmanistik. Das Institut in Bern in der Schweiz beschäftigt sich hauptsächlich mit dem modernen Türkisch, welches in den Islamwissenschaften verankert ist. Sonst sieht es in der Schweiz dünn aus.“

Aydın:
„Osmanistik in Wien ist ein Überbleibsel von der k.u.k.-Zeit. Einer der deutschsprachigen Autoritäten der Turkologie stammt aus Ungarn: György Hazai.“

Wer sind die weiteren bekannten Turkologen im deutschsprachigen Raum?

Ağcagül:
„Einer der ersten – wenn nicht gar der erste, der sich mit Türksprachen beschäftigte – war Wilhelm Radloff, der zwar deutschstämmig war, aber fast ausschließlich in Russland gewirkt hat. Für das 20. Jh. ist meiner Meinung nach vor allem Gerhard Doerfer zu nennen, der in Göttingen gelehrt hat. Hinzu kommen Johannes Benzing, Karl-Heinrich Menges u.a. Für die neuere Zeit sind Hendrik Boeschoten (Mainz), Johanson, Marcel Erdal, Mark Kirchner (Gießen), Jens-Peter Laut (Göttingen) und Claus Schönig (Berlin) zu nennen.
In Berlin in der Akademie der Wissenschaften gibt es die sogenannte Turfanforschung. Dort werden Turfantexte, das sind altuigurische Texte, untersucht. Sie werden so genannt, weil sie in der Turfangegend (in der chinesischen Provinz Sinkiang) gefunden worden sind. Peter Zieme hat diese Forschung lange Zeit hauptsächlich geleitet, jetzt ist Semih Tezcan der Leiter. Zurzeit arbeitet dort u. a. Abdurishid Yakup, der selbst aus Sinkiang stammt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter.“

Obwohl die Turkologie durch die Orientalisten als Wissenschaft vor langer Zeit entstanden ist, ist dieses Bedürfnis oder das Interesse über sich selbst, in der Türkei relativ spät entstanden. Wie kommt das?

Ağcagül:
„Im Zuge der Identitätsfindung am Ende der osmanischen Zeit, hat man schon angefangen über die eigene Geschichte, Kultur und Sprache nach zu denken und gründlicher zu forschen. Dann gab es die Wiederentdeckung der ‚Brüder‘ und ‚Schwestern‘ in Zentralasien, die auf eine gemeinsame Kultur und Geschichte basiert.“

Aydın:
„Bei der wissenschaftlichen Diskussion geht sogar die differenzierte Grundlagenforschung der türkischen Sprache auf Ahmet Vefik Pasa in der Tanzimat Zeit zurück. Man hat später immer wieder versucht die persischen und arabischen Einflüsse im Türkischen zu befreien. Klar, erst am Anfang der Republik ist das Fach ‚Türk Dili ve Edebiyatı‘ entstanden. Auch die Germanistik, die wissenschaftlich betrieben wird, ist ebenfalls zeitgleich entstanden. Vieles was im 19. Jh. in Europa passierte, passierte auch im Osmanischen Reich. Oft wird das übersehen.“

Was kann man angehenden Turkologen empfehlen?

Ağcagül:
„Lesen, lesen und lesen.“

Aydın:
„Interesse haben, neugierig sein. Im Zeitalter des Bologna-Prozesses ist dies natürlich beeinträchtigt durch das Studium, dass –überspitzt formuliert- zu einer schulischen Ausbildung degradiert wurde- das beeinflusst natürlich forscherisches Interesse leider in der Masse leider negativ.“

Wo steht die Turkologie an der Uni Bonn?

Ağcagül:
„Die Turkologie ist in Bonn nicht ein eigenständiges Fach. Türkisch wird an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Rahmen der Asienwissenschaften als Sprachkurs angeboten. Wir haben allerdings auch noch Osmanisch. Zunächst alles einem BA-Abschluss als Ziel. Wir haben noch ein Modul: Geschichte und Kultur der Türkei.
Wir können leider nicht mehr leisten, da die Rahmenbedingungen, d. h. die strukturellen Bedingungen sich verändert haben. Es ist nicht wie damals als Otto Spies in der Turkologie in Bonn mitwirkte. Er hat viel für die Turkologie getan, er hat sich sogar an die Populärwissenschaft herangewagt und viel für die Türken und deren Spracherhalt in Deutschland getan. Er hat Übersetzungen herausgegeben und sich viel mit türkischen Märchen beschäftigt.“

Arbeiten Sie mit anderen Universitäten zusammen?

Ağcagül:
„Institutionell haben wir im sprachlichen Bereich abgesehen vom ERASMUS-Abkommen keine offiziellen Verbindungen. Aber auf persönlicher Ebene, ja. Eine Zusammenarbeit ist aber wünschenswert. Zusammenarbeiten und Kooperationen benötigen viel Zeit und Kraft. Obwohl sich die deutschsprachigen Turkologen alle drei Jahre im Rahmen der Deutschen Turkologenkonferenz treffen sollten, ist es schon lange her, dass wir auf diese Weise zusammengekommen sind; die letzte Konferenz dieser Art fand im Jahre 2005 statt, liegt also schon acht Jahre zurück.“

Für die Türkischkurse an den deutschen Universitäten werden aus der Türkei Lektoren beauftragt und bringen auch Türkisch bei. Sie sind aber meistens ausgebildete Germanisten. Ist es –ohne die fachliche Fähigkeit der Germanisten in Frage stellen zu wollen- nicht etwas paradox?

Ağcagül:
„Es ist natürlich nicht ganz in Ordnung. Da die Unterrichtssprache Deutsch ist, wird anscheinend von der türkischen Seite überlegt, deutschsprachige Fachkräfte zu senden. Somit wird an Deutschland ein Zugeständnis gemacht: Sie können Deutsch und können auf Deutsch unterrichten. Man versteht es nicht, aber es ist so.“

Sie vertreten die Turkologen, die selbst aus den Deutschlandstürken stammen und hier sozialisiert sind. Welche gibt es noch und können Sie über Ihr türkisches Märchenbuch erzählen?

Ağcagül:
„Es gibt nicht viele von „uns“. In Mainz, Gießen, Frankfurt und Berlin sind meines Wissens einige Kolleginnen und Kollegen beschäftigt. Die meisten türkischstämmigen Kolleginnen und Kollegen sind nicht in Deutschland sozialisiert.
Das Türkische Märchenbuch: Das war eine sehr schöne Sache. Es war eine Auftragsarbeit vom Verlag an meine Freundin, frühere Kommilitonin und jetzige Kollegin Elisabetta Ragagnin. Sie hat mich miteinbezogen. Wir haben gemeinsam das Märchenbuch für die Frankfurter Buchmesse 2008 herausgegeben. In jenem Jahr war die Türkei Gastland der Buchmesse. Wir hatten freie Hand bei der Wahl der Märchen. Die Schwierigkeit war geeignete Märchentexte zu finden. Aber wir haben dann doch ein ganz schönes Resultat erzielt.“

Welche Projekte haben Sie noch vor bald zu realisieren?

Ağcagül:
„Mit Elisabetta Ragagnin werden wir bald ein Buch mit türkischen Kinderreimen heraus bringen. Dieses Mal aber, was mich besonders freut, wird es zweisprachig sein: Auf Türkisch und auf Deutsch.
Was ich bei der Vorbereitung des Buches erlebt habe, ist enttäuschend. Die türkischen Familien, besonders die Frauen – als Trägerinnen der kulturellen Inhalte – haben ihr früheres Wissen offensichtlich verloren. Dasselbe gilt auch für Märchen und ähnliche literarische Formen. Die Migration und die Veränderungen der Lebensverhältnisse haben sich in dieser Hinsicht sehr negativ ausgewirkt. Die Sammlung der türkischen Kinderreime in Deutschland war nicht möglich. Deswegen habe ich auf in der Türkei gesammelte und gesprochene Kinderreime zurückgegriffen. Die Übersetzungen sind zwar sprachlich im Großen und Ganzen gelungen, aber den türkischen Geist auf das Deutsche zu übertragen, ist manchmal nicht möglich.
Was ich feststellend noch sagen kann, ist allgemein, dass die oral überlieferte Literatur der Türken hier in Deutschland verloren geht. Dies kann man zum Teil bei den Menschen in den Großstädten der Türkei auch feststellen, die eine Binnenmigration in der Türkei hinter sich haben.“

Hamburg war ja, schwerpunktmäßig ein Turkologie-Standort mit dem Schwerpunkt der Geschichte und Kultur der Türken. Wie ist es jetzt damit bestellt?

Aydın:
„Mittlerweile wenig. Früher hat im dortigen Orientinstitut ein lebhafter Institutsleiter mit Namen Udo Steinbach viel mitgewirkt, der eigentlich kein Turkologe war. Er war Islamwissenschaftler und Publizist. Das Institut besteht aber mittlerweile nicht mehr.
Obwohl dort in Hamburg versucht wird ein Türkei-Europa-Zentrum aufzubauen, ist die Stadt nicht mehr so renommiert zu sagen, dass dort immer noch eine Hochburg der Turkologie wäre.“

Kann man von ‚Deutschlandtürkisch‘ sprechen?

Aydın:
„Man muss sogar davon sprechen. In Deutschland fehlt es leider an Schriftstellern, die in Türkisch schreiben und veröffentlichen.
Abgesehen davon, dass der Türkischunterricht in den Schulen nicht durchgehend gefördert wird, fehlen auch Abnehmer der türkischen Literatur.“

Ağcagül:
„Es wird immer über den Mehrwert der Mehrsprachigkeit gesprochen, aber wenig für die Zweisprachigkeit, in dem Fall für die türkische Sprache, etwas Förderliches getan. Vielleicht müssten wir, ich meine unsere Generation, hierfür auch etwas mehr tun.
Im Unterricht versuche ich permanent, das Bewusstsein der Studierenden aus türkischen Familien für ihre Sprache zu schärfen. Ich überlege dabei, wie sie sich über das Aneignen des Unterrichtsstoffes hinaus kreativ mit dem Türkischen auseinandersetzen können. Es fehlt ja nicht an Möglichkeiten. Die Schwierigkeit besteht eher darin, solche Aktivitäten in den Unterricht einzubinden.“

Wohin möchte die Turkologie in Deutschland gehen?

Aydın:
„Eine bestimmte Richtung in der Turkologie lässt sich nicht ausmachen. Im Großen und Ganzen setzt sie die Tradition fort, die schon seit einigen Jahrzehnten besteht.“

Ağcagül:
„Meiner Meinung nach muss sich die Turkologie in Deutschland noch intensiver als es bereits der Fall ist teilweise von ihren traditionellen, damit meine ich philologischen, Inhalten trennen. Auch wenn es mir persönlich schwerfiele, denke ich, dass die Studieninhalte an Universitäten sich der Türkei und der türkischen Welt in ihrer Gesamtheit widmen sollten. Das bedeutet natürlich nicht, dass die philologische Beschäftigung mit Texten u. a. eingestellt werden müsste – ganz im Gegenteil: in diesem Bereich ist noch sehr viel zu tun – sondern, dass alle Aspekte der türkischen Geschichte, Gesellschaft und Kultur im Zusammenhang betrachtet und wissenschaftlich untersucht werden sollten.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Grand Dame des kulturellen Brückenbaus: Prof. Dr. Annemarie Schimmel

Annemarie SCHIMMEL

Es gibt Akademiker, wie Udo Steinbach (Islam- und Politikwissenschaftler) und Annemarie Schimmel (Orient- und Islamwissenschaftlerin), obwohl sie ursprünglich nicht ausgebildete Turkologinnen oder Turkologen waren, die alle aber im Bereich der Turkologie, jeder auf seine Art, sehr viel beigetragen und mitgewirkt haben.

Annemarie Schimmel hat sich, u. a. sehr durch die Vermittlung der türkischen Kultur und durch sehr gute Übertragungen der türkischen Sufi-Literatur ins Deutsche verdient gemacht.

Spätestens seit Edward Said’s 1978 erschienene Buch ‚Orientalismus‘, in dem er sich mit dem Begriff kritisch auseinander gesetzt hat, sind Orientalisten zwar in Verruf geraten, doch sind ihre wissenschaftlichen Forschungsbeiträge nicht außer Acht zu lassen. Zudem gibt es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf diesem Gebiet, die aufgrund ihrer Werke und ihrer Persönlichkeit sowohl im ‚Westen‘ wie im ‚Osten‘ Respekt und Achtung genießen.

Eine Persönlichkeit, Professorin Annemarie Schimmel, die Grand Dame des kulturellen Brückenbaus, war eine besondere Orientalistin und Islamwissenschaftlerin, die im Bereich der Turkologie sehr viel geleistet und viel für die türkisch-deutsche Kulturübertragung beigetragen und hinterlassen hat. Nach ihrem Studium in Berlin begann sie als Dozentin an der Universität Marburg zu lehren. Sie lehrte neben Arabisch und Persisch auch Türkisch.

In den darauf folgenden Jahren entwickelte die Islamwissenschaftlerin eine ganz besondere Vorliebe für die Türkei. Ab 1952 hielt sie sich mehrere Jahre in der Türkei auf, um historische Schriftstücke des Osmanischen und Türkischen zu studieren. In dieser Zeit schloss sie Freundschaften in Literaturzirkeln, zu denen auch bekannte Dichter wie Yahya Kemal Beyatlı und die Schriftstellerin Semiha Ayverdi zählten. Sie war nicht nur als Forscherin im Elfenbeinturm tätig, sondern auch eine teilnehmende und mitwirkende Beobachterin: Sie schrieb selbst unter dem Pseudonym Cemile Kıratlı Artikel für Istanbuler Literaturzeitschriften wie “Yeditepe“ und „Hayat“. In den Jahren von 1954 bis 1959 wirkte sie als Professorin an der Theologischen Fakultät in Ankara mit.

Ab 1961 lehrte sie an der Universität Bonn Religionsgeschichte, Mystik (Tasawwuf) und Islamische Geschichte sowie neben Arabisch und Persisch vor allem auch Türkisch.

Sie hat zahlreiche türkischer Dichter und Literaten ins Deutsche Übertragen. Zu ihren bekanntesten Übertragungswerk zählt: „Wanderungen mit Yunus Emre”.

Hier einige Übertragungen aus dem Türkischen ins Deutsche von Annemarie Schimmel.

Fragt die gelbe Blume

Ich fragt die gelbe Blume:
Wo bleibst du über Winter?
Sie sagte: Derwisch Baba,
Will untern Staub mich legen.

Ich fragt die gelbe Blume:
Was isst du denn dort unten?
Sie sagte: Derwisch Baba,
Des mächtigen Gottes Segen.

Ich fragt die gelbe Blume:
Hast Mutter du und Vater?
Sie sagte: Derwisch Baba,
Die Erde und den Regen.

von Pir Sultan ABDAL (+1550), übersetzt von Annemarie Schimmel

Wenn ich als Freund beim Freunde bin

Wenn ich als Freund beim Freunde bin,
So hab ich einen Freund hier nicht,
Die andern schauen lachend hin,
Sie gönnen einen Gruß mir nicht.
Will Freund beim Freunde sein allein,
Will vor dem Tod gestorben sein,
Will opfern gern die Seele mein,
Ein Rest bleibt von der Welt mir nicht.
von Yunus Emre (+1321), übersetzt von Annemarie Schimmel

Rosen rot

In eine Stadt kam ich einmal.
Ich sah: ihr Schloss aus Rosen rot,
Und ihres Fürsten Krone, Thron
Und Hag und Mauer Rosen rot.

Mit Rosen geht Kauf und Verkauf,
Aus Rosen stellt man Wagen auf,
Wiegt Rose dort mit Rose auf-
Der ganze Markt ist Rosen rot.

Aus Rosen drehn sich Mühlen dort,
Sie mahlen Rosen fort und fort,
Ihr Rad, Ihr Wasser und ihr Port,
Ihr Damm, ihr Quell sind Rosen rot.

Von Ümmi SİNAN (+1657), übersetzt von Annemarie Schimmel

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