Ahmet Haşim „Frankfurter Reisebericht“ übersetzt von Beatrix Caner

13.10.2008

Am Vorabend der Nazi-Zeit

Ahmet Hasim: „Frankfurter Reisebericht“, Literaturca Verlag 2008, 105 Seiten

Eines der wichtigsten Werke der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt mit Schwerpunkt Türkei ist mit Sicherheit der „Frankfurter Reisebericht“ von Ahmet Haşim. Das jetzt ins Deutsche übersetzte, jedoch schon 1932 erschienene Buch bietet dem Leser von heute ein irritierendes Deutschland-Déjà-vu-Erlebnis.

Schon der Literaturnobelpreis 2006 für Orhan Pamuk hatte die Aufmerksamkeit auf die türkische Literatur gelenkt, und in diesem Jahr stellt die Türkei auch noch das literarische Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Eine Welle türkischer Literatur überschwemmt den deutschen Buchmarkt.

Eins der wichtigsten Bücher, die zur Messe erscheinen, ist mit Sicherheit der „Frankfurter Reisebericht“ von Ahmet Haşim. Kein anderes Buch türkischer Sprache hat je derartig das Bild Deutschlands in der Türkei geprägt; geschrieben wurde es schon vor 76 Jahren, also 1932.

Zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde er allerdings erst jetzt, obwohl Ahmet Haşim als einer der Mitbegründer der modernen türkischen Literatur gilt und bis heute zu den bekanntesten Schriftstellern der türkischen Sprache gehört. Haşim war ein gefeierter Lyriker, expressionistisch, experimentell und surreal, seine Gedichte erinnern zuweilen an Gemälde von Salvatore Dali.

Haşim wuchs als Diplomatenkind in Bagdad auf, sprach Arabisch, Persisch, Türkisch und Französisch, arbeitete in diversen Berufen, als Beamter, als Französisch-Lehrer, als Literatur-Professor und als Vorstand einer Eisenbahn-Gesellschaft. Überschattet wurde sein Leben vom frühen Tod der Mutter und von verschiedenen Krankheiten, die ihn 1932 als Patient 1932 nach Frankfurt führten. Er starb im Juni 1933.

Haşim „Frankfurter Reisebericht“ besteht aus 20 Artikeln, die er für türkische Zeitungen schrieb und die meist klar umrissene Themen wie „die deutsche Familie“ oder „die Oberschicht der Professoren“ widerspiegeln; andere heißen schlicht „die Straßen“ oder „Eichhörnchen“, „Vögel“ usw.

Der Leser erlebt zusammen mit Haşim einen Aha-Effekt. Haşim kommt als großer Verehrer der deutschen Kultur nach Frankfurt und erlebt dann die deutsche Realität 1932, sein Resümee:

„Deutschland ist ein großer, roter Apfel. Aber innen ist er faul.“

Haşim lernt politisch zerrissenes Familienleben und saturierte Professoren kennen, strotzend vor Selbstzufriedenheit, unkritisch und desinteressiert, ein „Heer der Bigotten“.

Als Lyriker gilt Haşim als der große Melancholiker, als depressiv, seine Gedichte sind voller Schmerz. Der „Frankfurter Reisebericht“ zeigt einen ganz anderen Haşim, leicht, beschwingt und auch voller Humor, wie wir ihn etwa von Reiseberichten Mark Twains kennen: Stellen Sie sich vor, es gibt zwei Türen, auf der einen steht „Paradies“, auf der anderen „Vortrag über das Paradies“ – die Deutschen hören sich den Vortrag an. Oder Hasim erklärt das System des weltweit vorbildlichen deutschen Straßennetzes als deutsche Variante des orientalischen Gebetsteppichs.

Aber auch hellsichtig und beklemmend sind Haşims Beobachtungen im Deutschland des Jahres 1932. Aus der Welt seiner Kindheit und Heimat, also Irak und Türkei, weiß Haşim, dass sich eine Katastrophe ankündigt, wenn die Vögel ihre Stammplätze verlassen, – und eben das beobachtet er in Frankfurt:

„Juden sind wie sensible große Vögel.“

Und natürlich erlebt er auch marschierende Nazis in den Straßen. Was ihn irritiert, ist, wie unecht ihm ihre Uniformen erscheinen, „falsch“, „gefälscht“, allein getragen zum Zwecke einer Verkleidung.

Ob Haşim mit diesem Reisebericht mehr als ein Zeitzeugnis skizziert, sondern vielleicht sogar auch ein zeitloses Bild der deutschen Volksseele erschaffen hat, sei dem Leser überlassen. Haşim beschreibt Deutschland als ein schizophrenes Land:außen glänzend, innen faul, geteilt in Arm und Reich.

Auf der einen Seite die Wohlhabenden, das Heer der Heuchler, wie feiste, realitätsfremde Professoren und von Gigantomanie besessene Industrielle. Auf der anderen Seite das Heer der einfachen Menschen, naive, brave, kindliche Menschen, die sich sogar noch ihren besten Anzug bügeln, bevor sie auf die Straße betteln gehen. Und alle leben sie in einer Art Spielzeugwelt, in der die Natur, Bäume und Tiere zu Spielzeugen werden.

Der „Frankfurter Reisebericht“ ist zwar nur ein schmales Bändchen, aber bis heute das mit Abstand bekannteste und populärste Buch über Deutschland in der Türkei. Den Leser erwarten große Bilder und große Sprache – ein Genuss und für manchen ein irritierendes Deutschland-Déjà-vu.

Rezensiert von Lutz Bunk

Ahmet Haşim: Frankfurter Reisebericht
Aus dem Türkischen übersetzt von Beatrix Caner
Literaturca Verlag 2008
105 Seiten, 16.50 Euro

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/858592/

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