29.07.2011 IZ-Begegnung mit dem Hannoveraner CDU-Abgeordneten Muammer Duran

29.07.2011 IZ-Begegnung mit dem Hannoveraner CDU-Abgeordneten Muammer Duran

„Deutschland ist zur Heimat geworden“

Muammer Duran gehört der zweiten Generation türkischstämmiger Einwanderer an. Er hat hier studiert und ist seit fast zehn Jahren in Hannover als Anwalt tätig. Er wurde kürzlich von der lokalen CDU für das Stadtparlament als Kandidat – als erster für die CDU-Liste des Stadtteils Linden-Limmer – nominiert. Wir sprachen mit ihm über seine Erfahrungen in der CDU und über seine Bemühungen für eine multikulturelle Gesellschaft.

 Deutschland ist das Land Europas, das die geringste Erfahrung mit der multikulturellen ­Gesellschaft vorweisen kann. Die Erfahrung der ersten Schritte reicht in die neuere Geschichte zurück; genauer gesagt, seit den 1960er Jahren mit dem Beginn der Arbeitsmigration. Die Jahre der Geringschätzung der CDU gegenüber der grünen „Multikulti-Politik“ sind mittlerweile vorbei. ­Besonders die gesellschaftlichen und die demographischen Entwicklungen zwangen die CDU und die SPD dazu, mit den Grünen in diesem Politikbereich zu konkurrieren.

Die NRW-CDU benannte den ersten „Integrationsminister“ und überholte Grüne und SPD in Sachen Migrationspolitik. Die Grünen ­haben Cem Özdemir als Vorsitzenden. Die SPD? Abgesehen vom Fall Sarrazin gehen in der SPD die bundesweiten Bemühun­gen, die Konkurrenz doch bald zu über­treffen (mit einer Zukunftswerkstatt über Migration, Islam und Integration, so die Stichwörter der Genos­sen) nicht voran.

Diese neue Entwicklung erlebt man vor Ort, wo Integrations- und Migrationspolitik stattfinden, noch konkreter. Vor allem aber in Kommunen und in Stadtteilen, in denen sich die Gesellschaft in ihrer Vielfalt zeigt. In den Hannoveraner Stadtteilen Linden und Limmer, in denen Muslime gleichermaßen Teil der Gemeinde sind, können sie bald ihre Stimme bei Lokalwahlen abgeben. Abgeben können sie ihre Stimme auch für Muammer Duran. Duran berichtete uns von seinen Erfahrungen in der Politik und seiner Rolle als Migrant in einer Volkspartei, die sich traditionell als konservativ bezeichnet:

„Politische Erfahrungen sammelte ich erst in der Fachschaft der Universität und bei den Grünen. Es war eher ein Zufall, dass ich bei den Grünen landete. Da ich an der Uni sehr aktiv war, hatten sie mich gefragt, ob ich mich bei ihnen engagieren möchte. Ich hatte damals gerne angenommen. Es war eine schöne Erfahrung. Was ich bei den Grünen schätze, ist ihr Idealismus. Aber es gibt Themen, bei denen ich Magenschmerzen bekommen habe: Zum Beispiel die Besetzung privaten Eigentums, wie der maroden Gebäude im Stadtteil Linden und Limmer in Hannover.“

Islamische Zeitung: Was für eine Partei ist die CDU für Sie? Warum sind Sie nun grade in der CDU?

Muammer Duran: Mit dieser Frage werde ich oft konfrontiert. Besonders wegen dem Bezug zum „C“; das heißt, wegen des Christentums. Das ist für mich nicht unbedingt ein Gegensatz. Ich habe eher Schwierigkeiten mit der falschen Migrationspolitik der CDU in den 1980er und 1990er Jahren. Ich bin ein Mensch, der sich als wertkonservativ ­betrachtet. Manche CDU-Mitglieder meinen sogar, ich sei konservativer als sie.   Islamische Zeitung: Wie kommt das zum Ausdruck?   Muammer Duran: Ich gehe beispielsweise am Freitag immer zum Gebet in die Moschee. Manche Parteikollgen merken daraufhin an, dass sie nicht jede Woche in die Kirche gehen. Mittlerweile hat die CDU ihre Fehler in der Migrationspolitik erkannt und ist auf einem guten Weg, einen Beitrag für das Gelingen von Integration zu leisten. Sie geht auf die Muslime und auch auf alle anderen Migrantengruppen zu. Diese Öffnungspolitik ist nötig.

Islamische Zeitung: Kommt dieser Politikwechsel nicht etwas zu spät für eine Volkspartei? Muammer Duran: Ich hoffe nicht und glaube es auch nicht. Wenn regionale CDU-Spitzenpolitiker mich offen ansprechen und mir anbieten, ob ich mich für diese und jene Position engagieren möchte, dann sehe ich hier eine Ehrlichkeit. Die Konsequenz ist, den nötigen und erforderlichen Beitrag zu leisten. Dadurch werden die Mitwirkungsmöglichkeiten der Migranten in der CDU erhöht.

Islamische Zeitung: Wie werden Sie diese verwirklichen? Welche Mitwirkungsmöglichkeiten sehen Sie?

Muammer Duran: Ich kann nicht behaupten, dass ich viele Probleme lösen könnte. Ich kandidiere für den Stadtrat in Hannover. Hier werde ich vor Ort die Anforderungen der Stadtgesellschaft angehen. Aber ich bin zuversichtlich…

Islamische Zeitung: Welche der drei Strömungen in der CDU solidarisiert sich mit Ihren Vorhaben?

Muammer Duran: Viele der Konservativen. Natürlich gibt es auch in meiner Partei Menschen, die noch nicht soweit sind. Zum Glück sind dies aber nur Einzelpersonen. Ich habe eine Chance, da in der CDU-Hannover – im Vergleich zu den anderen Lokalverbänden – eher eine liberale Strömung vorherrscht.

Natürlich machen uns einige Aussagen, wie sie zuletzt vom Innenminister kamen, wonach der Islam kein Teil Deutschlands sei, vor Ort zu schaffen. Solche Statements negieren das multikulturelle Leben in den Stadtteilen. Aber gegenüber solchen Aussagen gibt es auch Aussagen von Bundespräsident Wulff, wonach der Islam ein Teil von Deutschland sei. Und CDU-Spitzenpolitiker in Niedersachsen haben bei dieser Diskussion klar und vehement die Position von Herrn Wulff verteidigt.

Islamische Zeitung: Meinen Sie nicht, dass bei dieser Öffnung auch das Kalkül eine Rolle spielt, Wählerstimmen bei Muslimen und Migranten zu bekommen?

Muammer Duran: Mag sein, dass das von außen betrachtet so aussieht, aber ich erfahre dies in der CDU als Zeichen von Ehrlichkeit, da ja solche Aussagen andererseits bei den Erzkonservativen die Stimmen minimieren.

Islamische Zeitung: Und wie sieht die strukturelle Situation von Migranten in Ihrer Partei aus?

Muammer Duran: Unsere Landessozialministerin der CDU-Regierung ist Frau Aygül Özkan und es gibt in den verschiedenen Gremien viele andere engagierte Migranten.

Islamische Zeitung: Bis jetzt gibt es in der CDU keinen Bundestagsabgeordneten mit muslimischem Hintergrund…

Muammer Duran: Stimmt. Aber Sie werden bald sehen, dass dieses Manko bei der Bundestagswahl 2013 von der CDU behoben wird. Es sollte sogar ein Listenplatz sein, der garantiert mit einem Bundestagsmandat endet.

Und übrigens, die CDU stellt die Migranten nicht nur strukturell immer besser, sondern es werden immer häufiger und gründlicher jene Themen- und Problembereiche angegangen, die Migranten und Muslime betreffen. Die Universität Osnabrück hat mittlerweile eine Fakultät, in der islamische Religionslehrer ausgebildet werden und bald könnte es – falls die Landesregierung sich mit den islamischen Spitzenvertretern einigt – einen regulären Religionsunterricht in allgemeinbildenden Schulen für muslimischen Kinder geben.

Muammer Duran führt uns zu Straßen und Orten, in denen er aufwuchs und die für ihn zur „Heimat“ geworden sind. Er führt uns auf einen denkmalgeschützten Friedhof mit einem historischen Grabstein. Darauf steht der Name: Mehmet von Königs­treu: „Es muss durch uns alle geklärt werden, dass Deutschland für uns zur Heimat geworden ist. Dies muss klargestellt werden, auch wenn die Stimmungslage noch nicht 100-prozentig ist. Auch wenn wir am Ende – egal welcher ethnischen Abstammung – bei einem Fußballspiel wie Türkei gegen Deutschland für oder dagegen sind, haben wir doch viele Gemeinsamkeiten. Wir sollten die Identität nicht aufgeben, aber bereit sein, Neues aufzunehmen. Ortsbezug und Deutschlandbezug sollte bei den Entscheidungen den Realitätsverlust von ­Migranten minimieren. Jeder sollte, wie Mehmet von Königstreu, in der Gesellschaft, in der wir alle leben, seinen Beitrag leisten. Die Migranten geben sich hier vor Ort diese Mühe. 30 Prozent der Neumitglieder der CDU-Hannover sind Migranten und die meisten hier mit türkischem ­Hintergrund.

Islamische Zeitung: Sie sind eher ­optimistisch …

Muammer Duran: Ich habe mich schon früh in der Schule engagiert. Das war damals gegen den ersten Golfkrieg – eine spontane Aktion. Anschließend wurde ich in den Ausländerbeirat der Stadt Hannover gewählt. Es war eine interessante Erfahrung. Gleichzeitig setzte ich mich an der Universität in Hannover für die Interessen von Studierenden in der Fachschaft ein. Ich wollte mich immer für die Gesellschaft, in der ich lebe, voll einsetzten. Das habe ich dann auch getan. Eine Erkenntnis war und ist, dass ich als Kind von Einwanderern Deutschland zunehmend als meine Heimat zu betrachten begann. Die Türkei ist auch meine Heimat, völlig richtig, aber Deutschland ist zu meiner neuen Heimat geworden.

Natürlich sollte man sich nicht den Realitäten verschließen. Ein Parteifunktionär, den ich sehr schätze, hat mir einmal gesagt, dass er mich als „Wellenbrecher“ sieht und durch mein Engagement und meine Mitwirkung schon vieles geändert hätte.

Islamische Zeitung: Lieber Muammer Duran, vielen Dank für das Interview.

Interview: Isabelle M. Beck & Kadri Akkaya.

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